CHOREOGRAFIEN
Danzital

 
Choreografie und Tanz:                     Franz Frautschi
Gitarre:                                                  Benjamin Bunch
Musik:                                                    Heitor Villa-Lobos, Abel Carlevaro, Ariel Ramirez, Mercedes Sosa
Licht und Ton:                                      Björn Jensen
Beratung in mancherlei Hinsicht:    Hanna Barbara
 
Premiere:                                              2003 Theater Scala, Basel
 
 
Pressebericht:
 
Schlichte Schönheit reicher Armut
 
Der Tänzer und Choreograf Franz Frautschi weckt mit einer reduzierten Inszenierung bewegte Gefühlslandschaften und schafft Annäherungen an eine andere Kultur.
 
Franz Frautschi braucht keine pompöse Staffage, um seine Tanzperformance „Danzital“ auf die Bühne zu bringen. Dennoch ist es viel, was man im Theater Scala von dem Choreografen und Tänzer zu sehen und zu hören kriegt: so schlicht und reduziert „Danzital“ daherkommt, so viel Bewegtes und Bewegendes ist darin gleichsam auszumachen.
Die Schlichtheit entspricht dem Konzept dieses Abends, der im Zusammenhang mit einem Engagement in Sucre, Bolivien entstanden ist. Dort arbeitet Franz Frautschi seit drei Jahren regelmässig mit „Bolivianza Danza“ zusammen, einer Gruppe von Tanzstudenten und -Studentinnen der „Universidad Pedagógica Nacional Mariscal Sucre, Carrera de Bellas Artes“. Frautschi bringt dort mit seiner eigenen Bewegungssprache den Tänzern und Tänzerinnen Impulse, die sich mit den traditionellen Volkstänzen auseinander setzen. Umgekehrt haben diese Begegnungen auch ihn und seine Arbeit beeinflusst und inspiriert. Ab Ende August wird er mit der Truppe mit einem eigenen Programm in Bolivien und Argentinien auf Tournee sein. Zuvor aber zeigt er jetzt in Basel ein Tanzstück, das aus den Erfahrungen, Reisebildern und aus den Begegnungen mit der südamerikanischen Kultur und ihren Menschen schöpft.
Fotografien der Tänzer und Tänzerinnen von „Bolivianza Danza“, die Frautschi von seinen Reisen mitgebracht hat und nun im Foyer vom Scala ausgestellt sind, bilden den Rahmen von „Danzital“ und stimmen auf Frautschis Tanzperformance ein. Es sind Bilder der Tanzstudenten und -Studentinnen beim gemeinsamen Tanz. Aufnahmen sind es, die eine grosse Lebensfreude und Hingabe an den Tanz wiederspiegeln und allesamt eine grosse Bewegtheit enthalten. Vor allem vor den Fotografien, die ein kleines Mädchen beim versunkenen Tanz zeigen, verharrt man staunend. Die Menschen auf den Fotografien begleiten den Zuschauer in den Theaterraum. Und wenn Frautschi seine Tanzperformance beginnt, scheinen sie sich wie imaginäre Tanzpartner und –Partnerinnen zu ihm auf die Bühne zu gesellen.
13 Musikstücke umfasst „Danzital“. Neun davon, Kompositionen von Heitor Villa-Lobos, Oscar Lorenzo Fernandez und Abel Carlevaro, werden vom Gitarristen Benjamin Bunch virtuos live vorgetragen. Vier Stücke mit Gesang von Mercedes Sosa und Omara Portuondo werden ab Band eingespielt. Der Tänzer verbindet die 13 einzelnen Stücke zu einem poetischen Reigen. Vier kurze Texte, von Franz Frautschi selbst geschrieben, ergänzen den Tanz. Es sind einfache Worte zu den elementaren Dingen des Lebens. Gelesen werden die Texte übrigens von Joseph Caba, einem jungen bolivianischen Tänzer, der dank Franz Frautschis Initiative zur Zeit im Tanzensemble von Cathy Sharp eine Stage macht.
Schon der erste eingeschobene Text „Reiche Armut“ scheint das Programm von „Danzital“ zu enthalten. Wenn hier davon die Rede ist, dass Emotionen, innere Bilder und der eigene Körper das Leben reich machen, dann entspringt das einerseits den Erfahrungen im Umgang mit einer Gesellschaft, der es an den notwendigsten materiellen Gütern fehlt. Andererseits benennt Frautschi damit jene Quellen seines Tanzes, die er auf der Bühne immer sichtbar zu machen sucht. Wenn also zwei grobe Ponchos, ein langer, schwarzer Jupe, eine braune Wollmütze und eine lange, farbig geringelte Zipfelmütze als Accessoires reichen, so finden sich in Franz Frautschis schlichter und präziser Körpersprache dennoch ganze Gefühlslandschaften und Lebensbilder konzentriert, die im Tanz vor unseren Augen auf der Bühne lebendig werden. Zu einem Stück von Mercedes Sosa etwa bleibt der Tänzer einfach am Boden liegen. Die Bewegungen beschränken sich auf seine beiden Hände, die zu zwei sich umkreisenden Figuren werden. Um die Anklänge an den traditionellen südamerikanischen Tanz sichtbar zu machen, reicht schon eine Andeutung: in einer speziellen Bewegung des Armes, einem Rhythmuswechsel, einem kurzen Stampfen blitzt auf, woraus Frautschis Tanz hier schöpft. Es sind nicht zuletzt auch die wunderbare Sorgfalt, die konzentrierte Hingabe und die Dankbarkeit gegenüber einer „fremden“ Kultur, die in „Danzital“ zum Ausdruck kommen und dieses Projekt so wertvoll und sehenswert machen.
 
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