FRATER-TÄNZE
Statement

 
Und immer noch –      
 
auch nach zwanzig Jahren – bin ich auf dem Weg in den Proberaum unuhig, leicht aufgeregt. Gelingt es mir heute, in die Atmosphäre des Schaffens, des Kreierens einzutauchen, oder bleibe ich draussen, dort, wo jeder Tanzschritt nur ein Schritt ist? Kann ich den Zugang zu den Quellen des betreffenden Tanzes erneut eröffnen, zu den Wurzeln und Ursprüngen, die jedem Tanz so eigen sind? Denn nur in Verbindung mit diesen lässt sich jede weitere Bewegung erfinden und einordnen. Auf dem Weg dahin wird jedes Motiv am Zeigerstand des Körperbarometers mehrmals geprüft: nein, so nicht; doch, so schon eher; ja, so muss es sein und nicht anders, so ist es richtig. Diese Zustimmung erfragend entsteht und wächst ein Tanz bis all seine Firguren und Formen das „innere Ja“ erhalten haben. Dann darf er hinaus, auf die grosse Reise, dort, wo das Reifen beginnt.
 
 
Ein Tanz -
 
ob drinnen oder draussen, ob an einer Trauerfeier oder an einem Geburtstag getanzt, ob am Ufer eines Sees oder im Park einer Vorstadt, immer bleibt er derselbe und doch bereichern die verschiedenen Umstände und Hintergründe sein Wesen mit ganz unterschiedlichen Bildern. Sie schleichen sich ins Körpergedächtnis oder sind ganz plötzlich vehement da, wollen aufgenommen und gespeichert werden um die Drehungen und Wendungen dieses Tanzes zu schmücken. Die Reisen zwischen den Orten bieten neue Eindrücke an; weitere Bilder kommen hinzu, andere verwehen. Auf diese Weise erfährt der Tanz im älter werden eine Zellerneuerung wie der Körper selbst auch, der ihn trägt und ausformt. Und so ist der Tanz nie zu Ende, nur auf der Bühne, da dauert er vielleicht vier Minuten. Darüber hinaus – wer weiss  - ein ganzes Leben.
 
 
Franz Frautschi