TANZFOTO
Ausstellungsberichte

 
Franz Frautschi
Bolivianza Danza 2000 – 2003, Sucre, Bolivien

 
 
Kurzbericht von Esther Sutter,  Stiftungsrächtug Pro Helvetia Abt. Tanz/Abt. International.zur Fotoausstellung über die  tanzpädagogische Arbeit
 
Der Fluss der Bewegung, die Bewegung als Bogen wahrgenommen,  ihn aber segmentiert bis ins filigrane Detail am Körper – so kennen wir Franz Frautschi als Choreographen und Tänzer. Franz Frautschi ist auch Pianist, Pädagoge für Klavier und Komponist.
 
Die Methodik der Musik hat Frautschi von Anfang an in seine Choreographien übertragen, nun erweitert er sie für die Tanzpädagogik. Und findet transkulturelle Strukturen. Sie sind grade deshalb so wertvoll, weil sie sich an durchdachten Formprinzipien festmachen und deshalb Methoden, Instrumente zur Verfügung stellen.
 
Das Projekt Bolivianza Danza unterstützt von Pro Helvetia hat Franz Frautschi Gelegenheit gegeben zum interkulturellen Dialog. Ursprünglich von Heidi Saxer zu Vorstellungen und workshops in Bolivien und Argentinien eingeladen, ist er seit Juli 2000  jährlich ein bis zwei Mal nach Bolivien zurückgekehrt, um mit den Studentinnen und Studenten  der  Universidad Pedagogica Nacional Mariscal Sucre zu arbeiten. Sie  sind dort in der Ausbildung „Bellas Artes“ (interdisziplinäre Ausbildung zur Pädagogik in den Künsten mit Schwerpunkt Performing Art, Tanz). Mit 9 StudentInnen hat Frautschi eine, wie er es nennt, „kreative Allianz“ gegründet aus der 2002 die Compania Bolivianza Danza hervorging.
 
Mein Besuch in der Fotoausstellung zur Probenarbeit der Compania im Foyer des Theaters Scala in Basel fördert zu Tage mit welcher Sensibilität Frautschi als Pädagoge und Choreograph vorgeht: Er lässt sich voll ein auf das Tanzgut, die (Volks-)tanztradition der Andenregion, er nimmt  auch die regionale Differenz der Regionen mit in seine „choreographisches Arrangement“.
 
Die Fotosserie dokumentiert die Reigentänze und den Fluss, den sie durch den Pädagogen und seinen Hintergrund des zeitgenössischen europäischen Tanzes erhalten, fängt die Dynamik und Emotionalität der Tänze und der TänzerInnen ein. Fast hört man die Schritte klingen, die Stimmen singen beim Betrachten der Fotos. Eine sinnliche Bildinszenierung, klug zugeschnitten auf den Fototermin -  mit genügend Spielraum für die individuellen Tänzerpersönlichkeiten.
 
Frautschi hat Bolivianza Danza ohne Zweifel Bewusstheit verschafft im Zugang zu ihrem ureigenen Bewegungsmaterial.
 
Die Fotoausstellung ist /wäre ein hervorragendes Begleitinstrument für künftige Aktivitäten im Bereich Interkultureller Dialog Tanz und Musik von PH (und natürlich ebenso von Kultur+Entwicklung oder DEZA).
 
Kulturpolitisch strahlt die Arbeit des Choreographen/Pädagogen in zwei Richtungen: Frautschi ist es gelungen, „seiner“ Compania in Bolivien in einer harten Zeit des politischen Umschwung zu einer Stimme zu verhelfen (die Abschaffung des Pädagogenlehrgangs Tanz steht in Sucre am Horizont), die Fotoausstellung ist ein Instrument, die Arbeit  der jungen Cie auch in Europa in die Diskussion zu bringen (Gastspiele der Cie, so Frautschi, und da bin ich mit ihm einverstanden, wären ein zu grosser Eingriff in Leben und Alltag der jungen Tänzerinnen und Tänzer).
 
Als ganzes Projekt über 4 Jahre zeigt die Arbeit von Franz Frautschi, wie mit der Verknüpfung von Gastspielen und pädagogischer Arbeit (über lange Frist) eine kluge Methodik des interkulturellen Dialogs entwickelt werden kann – und wie wenig und viel es dazu braucht: Sensibilität und Respekt vor einer „fremden“ Kultur, die Inspiration aus aber nicht der Uebergriff auf sie. Dazu die Geduld und das Durchhaltevermögen (angesichts des administrativen und finanziellen Aufwands), um ein Projekt wie Bolivianza Danza zum Blühen zu bringen. Denn in Bolivien ist alles da, was Kunst und Kultur ausmacht, der Anstoss aber, das Eigene auch zu behaupten, ist wichtig.  
 
Nachahmenswert!
26.03.04. Esther Sutter SR  PH Abt. Tanz/Abt. International.
 
Barbara Vogt: Fotografien von Franz Frautschi in Thun
 
Getanzte Lebensfreude

 
Der in Frutigen aufgewachsene Tänzer und Choreograph Franz Frautschi zeigt unter dem Titel «Bolivianza Danza» sinnliche Tanzfotografien in der Migros Klubschule Thun. Die Bilder dokumentieren die aussergewöhnliche Zusammenarbeit des zeitgenössischen Tänzers mit traditionellen bolivianischen Tänzer(innen). Die Ausstellung wurde vergangenen Dienstag mit einleitenden Worten des Künstlers und Musik von Evelyne Büschlen eröffnet.
Weite Röcke in warmen Farben bauschen sich auf in der Drehung der Tänzerinnen. Zärtliche Blicke und Gesten werden zwischen tanzenden Paaren getauscht. Archaische Ausdruckskraft leuchtet auf jungen Gesichtern. Ein Kind vergisst sich verträumt in der Bewegung. Die Fotografien Franz Frautschis machen Momente des völligen Aufgelöstseins im Tanz sichtbar. Aus den eingefangen Augenblicken sprechen die Leidenschaft und die Lebensfreude der bolivianischen Tänzer(innen).
 
Gegenseitige Inspiration
 
In seiner Einführung schilderte Frautschi den Gästen der Vernissage die Begegnung mit der Tanzklasse von Ana Maria de Valdivia an der pädagogischen Universität Sucre,  der kulturellen Hauptstadt Boliviens. Im Rahmen eines Projekts der Stiftung Pro Helvetia reiste der in Basel lebende Frautschi im Jahr 2000 erstmals nach Bolivien. Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit mit der Tanzklasse in Sucre entstand die Kompanie «Bolivianza Danza». Im Tanzschaffen dieses aussergewöhnlichen Zusammenschlusses vermischen sich traditionelle Formen bolivianischer Reigentänze und die individuelle Ausdrucksweise zeitgenössischer europäischer Tanzkunst und inspirieren sich gegenseitig.
 
Gestärktes Selbstvertrauen
 
Als die erste öffentliche Aufführung der Kompanie bevorstand, begann Frautschi die Tänze im Hof der Universität zu fotografieren. Was als pragmatische Dokumentation für Presse und Werbung begann, entwickelte sich zur eigenständigen künstlerischen Arbeit. Mittlerweile ist das Ensemble «Bolivianza Danza» zweimal erfolgreich durch verschiedene bolivianische Städte getourt und die gleichnamige Fotoaustellung in der Schweiz mehrmals gezeigt worden. Wer die Ausstellung in Frutigen 2004 verpasst hat, erhält nun in Thun Gelegenheit, dies nachzuholen.
Sowohl mit den Fotografien, als auch mit der Neubelebung und Bereicherung ihrer Tanzkultur, möchte Frautschi die Identität und das Selbstvertrauen der bolivianischen Tänzer(innen) stärken und ihnen zu einer Plattform im eigenen Land verhelfen. Oftmals leben sie in Armut und leiden wegen ihrer Abstammung von den Indios unter Diskriminierung durch die weissen Oberschicht. Die Lebensfreude, welche die Tänzer(innen) dem kargen Alltag entgegen setzen, «kann für uns, die wir im Wohlstand leben, vorbildlich sein», unterstrich Frautschi.
 
Gleiche Emotionen überall
 
Den musikalischen Kontrapunkt zu den Eindrücken aus Bolivien setzte Evelyne Büschlen aus Frutigen mit Schweizer Volksliedgut, das sie mit Stimme und Akkordeon feinfühlig gestaltete. Die Brücke von bolivianischer zu schweizerischer Volkskunst war schnell geschlagen, als Frautschi erklärte: «Liebe, Trauer, Fröhlichkeit sind eben Dinge, die für alle Menschen auf dieser Erde gleich sind.»
Im Anschluss an die Vernissage bestand die Möglichkeit, im Theater «Alte Oele» bolivianisch inspirierte Tänze des Künstlers und seinen berührenden Film über die Tournee von «Bolivianza Danza» zu sehen.
 
Die Ausstellung in der Klubschule Migros Thun an der Bernstrasse 1a dauert bis 22. April. Öffnungszeiten: 14 – 21 Uhr (Montag – Freitag)
 
Barbara Vogt